Alfred Schütz
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stichwortartiger Lebenslauf
- 1899 +1959
- bekannt geworden durch seine Strukturanalyse der Alltagswelt, um zu schließen wie Kommunikation funktioniert
- 1921 Promotion Dr. jur.
- 1939 Emigration nach New York
- arbeitete als Finanzjurist, mit Wissenschaft beschäftigte er sich nur in seiner Freizeit
- 1952 Berufung zum Prof.
- ab 1956 Vollzeit-Prof.
- phänomenologische Philosophie -> Edmund Husserl (Phänomenologie?? = Wesenswissenschaft)
- nicht empirisch, sondern Erkennen des Wesens unter der Oberfläche
- "Was macht Kommunikation im Kern aus?" war seine Hauptfrage
- 1932 Buch "Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt."
- Wie entwickeln wir Orientierung?
- Gegenposition zum Positivismus (Empiriker), denn bloße Daten verraten nichts
Einführung
Alfred Schütz' Theorie wird bezeichnet als phänomenologische inspirierte Soziologie und baut auf der phänomenologischen Philosophie von Edmund Husserl auf. Die Phänemonologie geht davon aus, dass das Bewusstsein eine intentionale Struktur aufweist. Mit "Intentionalität" ist gemeint, dass jeder Bewusstseinsakt (Denken, Erinnern, Fantasieren, Fürchten, etc.) auf etwas bezogen bzw. gerichtet ist.
In seinem Werk "Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt" beschäftigt er sich mit der Frage, wie es uns gelingt, eine Orientierung in der Alltagswelt zu schaffen. Dabei bezieht er eine Gegenposition zum Positivismus. (Positivismus: Nur Beobachtbares und Messbares gibt Aufschluss über die Wirklichkeit.)
Schütz Ziel ist es sozialwissenschaftliche Probleme bis ins Bewusstseinsleben zurückzuverfolgen, da er der Meinung ist, dass sich das Soziale "in dem Bewusstsein der miteinander interagierenden Handelnden konstituiert". (Schützeichel 2004: 120)
Anders als George Herbert Mead, versucht Schütz bzw. die sozialphänomenologische Tradition also Intersubjektivität vom Subjekt und seinen subjektiven Sinnsetzungen aus zu erklären.
Appräsentationen
Kommunikation, Sprache und Wissen beruhen auf Symbolen und Zeichen. Symbole und Zeichen sind Stellvertreter, d.h. dass sie für etwas anderes stehen. Um die Frage zu beantworten, was dies genau heisst, greift Schütz zurück auf den Begriff der Appräsentation von Husserl. Übersetzt heisst Appräsentation so etwas wie Mitvergegenwärtigung.
Beispiel: Wenn man einen Schrank betrachtet, nimmt man nur die Vorderseite des Schrankes wahr. Wir können erkennen, aus welchem Holz er gezimmert ist, ob und welche Verzierungen es gibt und bilden automatisch gleichzeitig Erwartungen darüber aus, wie die Rückseite des Schrankes aussehen könnte. Erwartungen, die natürlich auch enttäuscht werden können. (vgl. Schützeichel 2004: 134)
Wie das Beispiel zeigen sollte, haben wir es also "mit einer Paarung von einer appräsentierenden und einer appräsentierten Seite zu tun" Schützeichel 2004: 134). Appräsentationsbeziehungen gelten auch für andere Bewusstseinsleistungen (Beispiel: Erinnerung an ersten Strandbesuch -> Geruch von Salzwasser in der Nase). Bei Appräsentationsbeziehungen handelt es sich um Beziehungen zwischen etwas, was wir real wahrnehmen können und das auf etwas nicht präsentes verweist. Nach Husserl beruhen alle Symbole und Zeichenformen auf Appräsentationsbeziehungen.
Schütz unterteilt Appräsentationsbeziehungen in 4 Kategorien:
Merkzeichen
- mnemonische Hilfsmittel, also Regeln, Kniffe und Tricks das Erinnerungsvermögen zu unterstützen. z.B. Eselsohren als Lesezeichen im Buch
- beziehen sich auf zeitlich Abwendes, transzendieren also Erfahrungen der Zeit
- willkürzliche Setzungen, die nur von Ego verstanden werden, also nicht intersubjektiv
Anzeichen
- Appräsentationsbeziehung zwischen Sachverhalten, die i.d.R. zusammen auftreten z.B. Rauch und Feuer
- können sich auf räumlich Abwesendes beziehen, transzendieren also Erfahrungen des Raumes
- beziehen sich zwar auf objektiv verknüpfte Sachverhalte, können aber nur subjektiv relevant sein, daher nicht notwendigerweise intersubjektiv
Zeichen
(vgl. mit Organon Modell von Karl Bühler)
- haben Bedeutungs- und Ausdrucksfunktion
- Bedeutungsfunktion: bezeichnet etwas (Sachverhalt oder Gegenstand)
- Ausdrucksfunktion: Ausdruck fremder Bewusstseinerlebenisse
- Um Verständnis zu ermöglichen, müssen Zeichen auf schon bekannte Sinnzusammenhänge bezogen werden
objektiver Sinn von Zeichen
- beruht auf ihrer Bedeutungsfunktion
- intersubjektiv
- bereits konstituierte Zeichensysteme (wie die Sprache) werden intersubjektiv erworben
subjektiver Sinn
- besonderer subjektiver Sinn
- "umkleidet den objektiven Sinn des Zeichens als identischen Kern" (Schützeichel 2004: 137)
okkasioneller/situationsspezifischer Sinn
- situationsabhängig
Mit der Unterscheidung nach dem Sinn von Zeichen (objektiv, subjektiv, okkasionell) nimmt Schütz eine altbekannte semiotische Unterscheidung auf: die der Denotation und Konnotation.
Ein auf Zeichen basierendes Kommunikationssystem (wie z.B. die Sprache) ermöglicht es also in bestimmten Grenzen durch den Gebrauch der Sprache, also der Zeichen, mit Alter zu kommunizieren, eine vollkommen erfolgreiche Kommunikation ist allerdings nicht möglich.
Symbole
- transzendiert Sinnbereich des Alltags
- nur das appräsentierende Glied des Paares ist "im Alltag"
- appräsentiertes Glied in einem anderen geschlossenen Sinnbereich/andere Sinnwelt
Beispiel: religiöse Symbole, z.B. im Christentum das Kreuz
andere Sinnwelten
z.B. soziale Sinnwelten wie Kunst, Religion, Politik, Wissenschaft, etc.
- basieren auf appräsentierendem Teil "im Alltag"
- aber appräsentierter Teil in anderer Sinnwelt
- anderer Wirklichkeits- und Erkenntnisstil, andere Relevanzsysteme
- Fachsprachen zur Kommunikation innerhalb der Sonderwelt
Alltagswelt ist immer intersubjektiv
Schütz sagt, dass die Ich-Du-Beziehung konstitutiv für den sinnhaften Aufbau der sozialen Welt ist. Diese intersubjektive Beziehung zwischen Ego und Alter ist aber nicht sprachlich fundiert, das betont Schütz sehr, sondern "vorsprachlich". Die Sprache hat also ihr Fundament in der intersubjektiven Beziehung zwischen Ego und Alter, um Kommunikation zu ermöglichen.
- keiner lebt einsam, alleine und isoliert vor sich hin, sondern wir teilen uns unsere Alltagswelt und müssen mit Reaktionen anderer rechnen. Daher berücksichtigen wir auch die Existenz anderer beim Handeln (Rückkopplung)
Grundform aller sozialer Kommunikation ist die sog. face-to-face Kommunikation.
- Kopräsenz (gegenseitiges, individuelles wahrnehmen und erleben, wir teilen die "Welt der aktuellen Reichweite"; wir handeln pragmatisch: naiv und spontan)
- teilen aber nicht nur Raum, sondern auch Zeit (daher ist die gemeinsame Beobachtung von Dingen bzw. Geschehnissen möglich)
Daraus folgt, wir altern zusammen!
Das miteinander-Teilen von Raum und Zeit ist also die Voraussetzung für Kommunikation!! Durch diese Teilung kann Ego Alter (den anderen; auch: alter ego) beobachten (und andersrum). Diese Beziehung ist durch moderne Medien modifiziert (z.B. Telefon, Videokonferenz), aber bisher noch keine perfekte Simulation (z.B. Geruch fehlt). Bei face-to-face Kommunikation wird das Äußerliche zur Grundlage von Kommunikation. Ich lese am Äußerlichen den Ausdruck von Gefühlen und Einstellungen ab (dies bezieht sich wohlgemerkt auch auf unintendierte geäußerte Regungen). Durch diese face-to-face Kommunikation wird eine gemeinsame kommunikative Umwelt geschaffen (z.B. sich zueinander wenden, Blickkontakt).
Reine Wir-Beziehung / Face-to-Face-Situation
- Grundform aller sozialen Beziehungen
- Ego & Alter teilen sich die "Welt der aktuellen Reichweite" räumlich (Kopräsenz) und zeitlich ("zusammen altern")
- gegenseitige Beobachtung und Verständigung: Schaffen einer gemeinsamen kommunikativen Umwelt
- soziales Handeln: Akteure wirken gegenseitig aufeinander ein (automatisch, denn Watzlawick sagt: "Man kann nicht nicht kommunizieren.")
"Die Alltagswelt ist diejenige Welt, in der kommunikativ eingesetzte Zeichen die Funktion haben, uns die appräsente Bewusstseinswelt der anderen präsent zu machen."[Schützeichel 2004: 143]
Voraussetzung
Thesis der Alltagswelt
- Alltagswelt = Sozialwelt
- wird geteilt mit Mitmenschen.
- intersubjektiv
- wird durch Kommunikation hergestellt
- naiv-natürliche Einstellung (nicht reflektierend/anzweifelnd - Zweifel treten erst auf, wenn Fehler passieren; Beispiel: der heruntergefallene Scheinwerfer in Truman Show) - die anderen sind also fraglos gegeben und Ego geht davon aus, dass sie ähnlich denken und fühlen und Kommunikation daher möglich ist. Ego unterstellt Alter also die Ähnlichkeit, dass Alter genauso kommuniziert wie Ego (die hermeneutische Tradition hat diesen Punkt wohlgemerkt schon vor Schütz betrachtet: ohne geteilte Welt, kein Verständnis; daraus folgert, dass nur verstanden werden kann, was prinzipiell schon verstanden worden ist - siehe Humboldt)
- "Die Welt ist so, wie sie einem erscheint." (Schütz)
- völliges Einverständnis existiert nicht (siehe Humboldt), aber eine Verständigung ist in einem gewissen Rahmen durchaus möglich, weil wir uns Typisierungen bedienen. Diese betonen das Allgemeine im Individuum, z.B. Baum (jeder Baum hat Blätter und einen Stamm, diese Vorstellung haben wohl alle Menschen, daher ist zumindest eine eingeschränkte Kommunikation über Bäume möglich)
Strukturierungen der Alltagswelt
zeitlich
- Vergangenheit
- Gegenwart
- Zukunft
sachlich
- aktuelle Reichweite
- wiederherstellbare Reichweite
- potenzielle Reichweite
sozial
- Mitmenschen - soziale Umwelt
- alle Menschen, die für Ego direkt erreichbar sind
- Nebenmenschen- soziale Mitwelt
- alle Menschen, die für Ego grundsätzlich erreichbar sind, aber im Moment nicht in unmittelbarer Reichweite sind
- Vorfahren - soziale soziale Vorwelt
- alle Menschen, die vor Ego gelebt haben. Deshalb sind sie für Ego nicht direkt erreichbar, lediglich ihre Hinterlassenschaften können noch mit Ego kommunizieren
Exkurs: Knoblauch
Diese Strukturierung der Lebenswelt in Umwelt, Mitwelt und Vorwelt wurde von Knoblauch medientheoretisch zugespitzt, indem er drei mögliche Kontexte von kommunikativen Handlungen unterscheidet.
unmittelbarer Interaktionskontext/face-to-face Interaktion
- sehr dichte non-verbale und verbale Kommunikation
mediatisierter Kontext
- kommunikative Handlungen können durch technische Apparaturen (wie z.B. Telefon, Internet) zeitlich und räumlich verteilt werden
gesellschaftlicher Kontext
- wird durch die in einer Kommunikation verwendeteten Symbole gekennzeichnet
Generalthesis der Reziprozität der Perspektiven - Grundannahme der ineinander Überführbarkeit
- unterstellt, dass Alter und Ego auch Standpunkte vertauschen könnten, bzw. sich in den anderen hineinversetzen könnten ("Personenvertauschung"). Dies hat aber nichts mit Einfühlung zu tun, "sondern mit der Rekonstruktion der Handlungen Anderer in meinem eigenen Erleben und auf der Basis meiner eigenen Erfahrungen und meines eigenen Wissens". (Schützeichel 2004: 125) Wir unterstellen also, dass Alter, wenn er an Egos Stelle wäre und Egos Standpunkt einnähme, die Dinge genauso sehen würde wie Ego
- Fremdverstehen ist also, durch die Fähigkeit des Verstehenden aufgrund eigener Erfahrungen und eigenen Wissens die Handlungen des Gegenübers nachzuvollziehen, begrenzt. Dennoch unterstellen wir, dass Alter "die Welt in einer für praktische Zwecke ausreichenden identischen Weise deutet" (Schützeichel 2004: 133) wie Ego.
- nur mit dieser Unterstellung ist eine Kommunikation möglich
Die Generalthesis der Reziprozität der Perspektiven neutralisiert also die unabstreitbaren Differenzen in den Auffassungsperspektiven zwischen Ego und Alter und ist damit konstitutiv für soziale Ordnung.
Kongruenz der Relevanzsysteme
- jeder Mensch hat Relevanzsysteme, diese sind abhängig von der persönlichen Geschichte und der aktuellen Situation bzw. der aktuell zu bewältigenden Aufgabe
- dennoch wird unterstellt, dass es Ähnlichkeiten gibt in den jeweils individuellen Relevanzsystemen
- dies unterstellt man so lange bis man vom Gegenteil überzeugt wird
- diese Unterstellung hat jeder Mensch inne
- je unterschiedlicher die Relevanzsysteme, desto schwieriger die Verständigung
- selbst bei hoher Übereinstimmung der Relevanzsysteme, ist es nicht möglich den okkasionellen oder subjektiven Sinn abzudecken
- dennoch wird unterstellt, dass es Ähnlichkeiten gibt in den jeweils individuellen Relevanzsystemen
Sprache
Die Muttersprache stellt Typisierungen zur Verfügung und ist wohl das wichtigste Typisierungsschema. Dies ist insofern interessant als das das Bewusstsein nach Schütz vorsprachlich konzipiert ist. Sprache ist primär ein Wissensträger und in ihr wird das "soziale Wissen, das Wissen, welches man als gemeinsames unterstellen kann, produziert und reproduziert". (Schützeichel 2004: 131)
Sie ist eine Perspektivierung der Welt (enthält Verallgemeinerungen, Typisierungen, Begriffe) und stellt die Typisierungen zur Verfügung, die wir benutzen müssen. Der subjektive Sinn, der ausgedrückt werden soll, ist allerdings vorsprachlich und geht bei der Übersetzung in Sprache (einem nachträglichen Phänomen) und damit vorgegebene Typisierungen zumindest zu einem Stück verloren und bleibt daher intransparent. Dennoch erlauben uns diese Typisierungen erst eine Reziprozität der Perspektiven.
Die Sprache wird von Schütz als Kommunikationsmedium betrachtet, weil sie zwar die Kluft zwischen Individuen nicht aufheben kann, aber zumindest in der Lage ist sie zu überbrücken, so dass eine wechselseitige Orientierung möglich ist. Sprache ist eine gesellschaftliche Übereinkunft, wodurch Ego einen gewissen Zugang zu Alter erhält, der aber durch die individuelle Biographie von Alter beschränkt ist. "Eine Privatsprache, die nur Bedeutungen und Relevanz für ein einzelnes Subjekt hat, ist nach Schütz unsinnig." (Schützeichel 2004: 132) Man bemerke die Ähnlichkeit zu Humboldt, siehe auch das Kapitel "Thesis der Alltagswelt" dieses Artikels.
Sprache ist das Relevanzsystem einer Gesellschaft, ermöglicht doch die Sprache erst, welche Dinge überhaupt benannt oder ausgedrückt werden können oder welche Eigenschaften den Dingen zugeordnet werden können.
"... Bei Mitteilungsakten gehen Kommunikationsteilnehmer so vor, dass sie durch Perspektivenübernahme abschätzen, wie ihre Mitteilung von den Adressaten interpretiert werden könnte" (Schützeichel 2004: 144) und selektieren anhand dieser Abschätzung (der unterstellten Deutungs- und Interpretationsschemata des Adressaten) ihre kommunikativen Handlungen. Das diese Abschätzung nicht perfekt akkurat ist und nie zu einer vollkommenen Kongruenz der Relevanz- und Deutungssysteme kommen kann, ist "die Sprache und ihre Zeichen, niemals für die Kommunikationsteilnehmer in ihrer Bedeutung identisch." (Schützeichel 2004: 144)
Sprachen weisen eine soziale Verteilung auf:
- vertikal - soziale Ungleichheiten in unterschiedlichen Sprachgemeinschaften
- horizontal - verschiedene Expertenwelten -> verschiedene Sondersprachen
Selbst- und Fremdtypisierung
Selbst- und Fremdtypisierung sind nötig, wenn man mit Fremden kommuniziert. Schütz sagt dazu, dass wir uns dieser täglich bedienen und nur deshalb Kommunikation überhaupt funktioniert.
Verstehen heißt Einordnung in Typisierungen. Wir können den subjektiv gemeinten Sinn des Gegenübers nicht erfassen, aber können den gemeinten typischen Sinn erfassen. "Motive werden unter typische Motive subsumiert, Handlungen unter typische Handlungen, Individuen unter Selbst- und Fremdtypisierungen." (Schützeichel 2004: 129)
Begegnungen, egal ob mit sich selbst, mit jemand anderem oder mit Gegenständen sind also stets in einer typisierten Form. Typisierungen sind Abstraktionen von konkreten Individuen, Handlungen und Ereignissen und beruhen immer auf Vereinfachungen, die bestimmte/besondere/partikulare bzw. (wenn auf Personen bezogen) individuelle Aspekte ausblenden.
Schütz unterscheidet verschiedene Formen der Typisierung:
- Typus Person: jemand vollzieht Handlungen und wir bilden ihm gegenüber spezifische, individuelle, nur auf ihn zugeschnittene Erwartungen heraus, die nur für ihn charakteristisch sind
- Typus Rolle: bezieht sich auf Handlungs- und Erwartungsformen, die für Mitglieder einer bestimmten Gruppe charakteristisch sind
- Allgemeine Typen des Handlungsablaufs: Handlungs- und Erwartungsformen, die sich auf spezifische Situationen beziehen (Beispiel: Ich grüße jeden, den ich auf der Strasse treffe(, weil ich aus einer Kleinstadt komme und dort halt jeder jeden grüßt.) (Ich grüße also nicht nur besondere Personen oder besondere Rollen)
Diese drei Rollen unterscheiden sich auch an ihrem Grad an Anonymität (und Abstraktion). Sie steigen mit der Reihenfolge: Person, Rolle, situationsspezifische Handlungsmuster. Mit steigender Anonymität steigt auch der Grad an Abstraktion. Je anonymer mir etwas ist, desto mehr abstrahiere ich von den konkreten Eigenheiten des Dings.
Wenn wir auf der Straße gegrüßt werden, können wir durch Typisierung den Grüßen der anderen Personen einen Sinn zusprechen und unsere Reaktion an diesem Sinn ausrichten. Typisierungen, so Schütz, haben folglich die Funktion Intersubjektivität und Kommunikation unter Individuen zu ermöglichen.
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Eigenmotive müssen zu Fremdmotiven werden, damit Handlungskoordination funktioniert. Selbst- und Fremdtypisierung müssen also hinreichend überlappend sein
- typisierte Erwartungen
- Motivübernahme
Sozialisation erfolgt nicht nur durch Face-to-Face Kommunikation, sondern primär durch Massenmedien (Extrem-Beispiel: RTL: "Die Super-Nanny", aber auch die typische Quiz-show gehört hierhin).
Typisierungsmustern werden medial vermittelt, meist handelt es sich dabei um fremde Typisierungen. Dies ist heutzutage nötig, aufgrund der höheren Mobilität im Beruf und allg. im Leben. Reisen ist kein Thema mehr und selten verbringt man 60 Jahre seines Arbeitsleben im gleichen Betrieb.
Zusammenfassung
Kommunikation ist ein Prozess des absichtsvollen Zeichengebrauchs, den ein Mitteilender an einen Deutenden richtet. Ego versucht nur zu kommunizieren aufgrund seiner naiv-natürlichen Einstellung, die von der Existenz und Ähnlichkeit des anderen ausgeht. Voraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikation sind gemeinsame Typisierungen (wenn, dann zum Grossteil gegeben durch die gleiche Sprache) und Relevanzsysteme (die zwar nicht völlig identisch sind, aber zumindest im Wesentlichen übereinstimmen müssen), die im Prozess der Sozialisation vermittelt wurden.
handlungstheoretischer Ansatz nach Schütz
Grundlage: Kommunikation ist immer Handlung. -> Man kann nicht nicht handeln (siehe Watzlawick)
Unterscheidung zwischen handeln und Handlung
| handeln | Handlung |
|---|---|
| aktiver/unabgeschlossener Prozess | abgeschlossenes Ereignis |
| nach bestimmtem Plan (z.B. ich hab Hunger -> Mensa Besuch); man formuliert also einen Handlungsplan | Ergebnis des Handelns |
| findet in der Gegenwart statt und ist auf die Zukunft bezogen
(auch längerfristige Pläne möglich, z.B. Entschluss zum Studium; bestehen aus mehreren Handlungsschritten: immatrikulieren, Stundenplan basteln, etc.) | auch möglich zur Filmanalyse: man kann Film untersuchen ohne Regisseur & seine Pläne zu kennen |
| subjektbezogen | nicht Subjekt-bezogen, sondern Objekt-bezogen: also auf das Erzeugnis des Handelns (z.B. Haus bewundern, obwohl Architekt unbekannt) |
Unterscheidung zwischen subjektiv gemeinten Sinn und objektiven Beweggrund
| subjektiv gemeinter Sinn | objektiver Beweggrund |
|---|---|
| Geld spenden, um Menschen zu helfen | mit Reichtum angeben |
| definiert "um zu" Motive (bezogen auf "zukünftige Ziele", die mit Hilfe bestimmter Pläne verfolgt werden, z.B. ich will Geld -> Raubmord) | "weil Motive" (Ursache-Wirkung-Motive; bedingt durch individuelle Biographie und aktuelle Situation, also "vergangene Ursachen oder Gründe, die ein Subjekt veranlassen, gerade diesen und keinen anderen Handlungsentwurf zu verfolgen". (Schützeichel 2004: 126) Beispiel: Täter wurde zu Raubmord durch Milieu motiviert) |
| allein nur dem Handelnden zugänglich (, weil nur Ego seinen gesamten Erfahrungs- und Planungshorizont kennt) | "weil Motive" werden aus Beobachtung unterstellt (Interpretation); sie sind der Analyse durch Beobachtung zugänglich |
| eine (Ausdrucks)Handlung liegt nur dann vor, wenn der Handelnde ein Um-zu-Motiv hat. Verstanden werden kann diese Handlung nur, wenn das Um-zu-Motiv berücksichtigt wird | eine Ausdrucksbewegung liegt dann vor, wenn der Handelnde eine Handlung bzw. eine Bewegung ohne Intention, also ohne Um-zu-Motiv durchführt. |
Schütz selbst bezeichnet den Begriff des subjektiven Sinns als >Limesbegriff<, da er von anderen nur angenähert, aber niemals erreicht werden kann.
Methodologische Konsequenzen
Untersuchung
Gegenstand der Untersuchung (egal ob Film oder Alltagsgespräch) ist sinnhaft vorgegeben/vorkonstruiert und vorinterpretiert (Konstruktion 1. Ordnung)
- Interpretationen (von Forschern) sind Interpretationen 2. Ordnung. Sie sind also eine Konstruktion von Konstruktionen (die bereits im Voraus konstruiert wurden z.B. vom Regisseur)
- wissenschaftliches Verstehen muss/sollte methodisch kontrollierbar sein
- Verstehen folgt bestimmten Regeln: Nachvollziehbarkeit, soll Intersubjektivität herstellen, daher intersubjektive Überprüfbarkeit nötig
- künstliche Dummheit und Langsamkeit (soll heissen, man kann nichts als gegeben hinnehmen)
- Ebene der zu untersuchenden Aspekte muss klar sein
verschiedene Ebenen von Konstruktionen
Konstruktionen 2. Ordnung innerhalb der Textwelt
1. Bridget Jones geht in Bunny-Kostüm auf Party, um besonders hip zu sein und aufzufallen (Konstruktion 1. Ordnung)
- subjektiv gemeinter Sinn von Figuren (Um-zu Motive, Ziele - also eine Analyse, die versucht herauszufinden, warum sie das tut)
- objektiver Sinn von Figuren (Weil-Motive, Ursachen)
- "um zu Motiv": um hip zu sein (Versuch einer Annäherung)
- "weil Motiv": weil sie eine Männerneurose hat
Konstruktion 2. Ordnung außerhalb der Textwelt
2. Regisseur will mit Bridget Jones zur Emanzipation beitragen (Konstruktion 1. Ordnung). Wissenschaftler versucht Motive des Regisseurs herauszufinden und kommt zu einer Schlußfolgerung (welche dann ein Konstrukt 2. Ordnung wäre)
- Bedeutungsintention, subjektiv gemeinter Sinn des "Autors" (Um-zu Motive)
- objektiver Sinn des Textes in Bezug auf den "Autor" (Weil-Motive)
- objektiver Sinn, Textbedeutung(en)
3. Analysiere ich Prof. Dörners Text über "Forsthaus Falkenau" (Konstruktion 2. Ordnung) und komme zu einer Analyse, so ist diese Analyse eine Konstruktion 3. Ordnung.
Ohne das zur Entstehung eines Filmes aktive Relevanzsystem zu kennen, kann ich die konkrete Bedeutung eines Filmes nicht erkennen, sondern nur viele unterschiedliche Lesarten entwickeln. Ohne Bezug auf Kontextwissen ist die Textbedeutung (z.B. Film als Symptom für den politischen Zustand der USA) also nicht zugänglich. Bedeutungsprozesse sind unabgeschlossen, insofern sie rezeptionsabhängig sind.
TODO: Beispiele von diesem Politik Film aus der VL einfügen - auf Prof. Dörners Folien warten
Quellen
- persönliche Mitschrift aus der Vorlesung "Einführung in die Medien- und Kommunikationstheorie" im WS05/06 an der Universität Marburg bei Herrn Prof. Dr. Dörner
- Schützeichel, Rainer (2004): Soziologische Kommunikationstheorien, Konstanz: UVK.

