Erving Goffman
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- 1922-1982
- geboren 11.06.1922 in Manville Canada
- studierte in Toronto und Chicago -> Chicago School (u.a. George Herbert Mead)
- auf die Shetland Islands zu Feldstudien
- 1953 Promotion an der University of Chicago
- 1954-1957 Laboratory for Social Environment Sudies (hiess das wirklich so?)
- Mikrostudie in Psychiatrie (über Kommunikation)
- bekanntestes Werk: "Presentation of Self in every-day life"
- Übertragung Modell des Theaters -> menschliche Kommunikation
- 1958 University of Berkley, wenig später Prof.
- 1967 Gast Professur in Harvard
- 1969 Pennsylvania
- 1974 "frame anaylsis"
- 1982 "forms of talk"
Zentral bei der Arbeit Goffmans ist, dass sich seine Kommunikationstheorie speziell auf face-to-face Situationen bezieht. Des weiteren untersucht er Mittel und Techniken der Selbstdarstellung und beschäftigt sich mit Rahmungen von Kommunikation. Es geht ihm bei der Rahmenanalyse nicht um die Organisation von Gesellschaft, sondern um die „Organisation der Erfahrung - etwas, was ein einzelner Handelnder in sein Bewusstsein aufnehmen könne.“ (vgl. Hettlage/Lenz)
Inhaltsverzeichnis |
Interaktion
"Wechselseitige Handlungsbeeinflussung, die Individuen aufeinander ausüben, wenn sie füreinander (Anm.: also in einer face-to-face Situation) anwesend sind."
Für Goffman ist eine Mensch-Maschine Interaktion also keine Interaktion, da es sich bei Maschinen nicht um Individuen handelt.
nicht-zentrierte Interaktion
min. 2 Akteure kopräsent und beide nehmen sich auch gegenseitig wahr. Daher findet eine Ausrichtung des eigenen Verhaltens statt, da ich weiss, dass ich wahrgenommen werde.
z.B Passanten auf der Straße, Besucher einer Party.
zentrierte Interaktion
Unterschied zur nicht-zentrierten Interaktion: Akteure handeln miteinander. Sie kooperieren, indem sie für einen bestimmten Zeitraum in "visueller und kognitiver Aufmerksamkeit" gemeinsam aufeinander und auf eine Sache oder Tätigkeit gerichtet sind.
Beispiele: ein Gespräch miteinander, man spielt gemeinsam ein Spiel, tanzen...
Grundannahme
Nach Goffman versucht man also in Interaktionen ein gewisses Bild von sich zu vermitteln, da man weiß, dass man beobachtet wird. Er führt diesen Gedanken fort und kommt darauf, dass alle Menschen prinzipiell immer Theater spielen und sich eine Fassade schaffen, "ein standardisiertes Ausdrucksrepertoire mit Bühnenbild und Requisiten." Goffman sagt: "Wenn ein Darsteller eine etablierte soziale Rolle übernimmt (z.B.) Kellner, wird er feststellen, dass es bereits eine bestimmte Fassade für diese Rolle gibt."
Das Theater wird also als Modell für die soziale Welt benutzt.
Dennoch macht Goffman wichtige Unterschiede zwischen der Theater- und der Alltagswelt aus:
- die Realitätsebene des Theaters ist fiktional
- im Theater i.d.R. min. zwei Darsteller, die voreinander ihre Rollen verkörpern, sowie das Publikum
- im Alltagsleben auf zwei Positionen reduziert; ein reines Publikum gibt es nicht, da auch jeder Zuschauer potentiell auch immer eine Rolle verkörpert
Darstellungsakt
- Bühne
- Darsteller, welcher im Rahmen einer bestimmten Rollenvorgabe agiert (z.B. Student, Prof., Streber, Klassenclown, ... )
- Zuschauer
In der realen Welt ist ein ständiger Wechsel zwischen Darsteller und Publikum möglich. Zitat Prof. Dörner: "man kann jederzeit in das Geschehen hineingezogen werden".
Beispiel: Die Situation in einer typischen Vorlesung verdeutlicht dies: Normalerweise ist der Prof. der Darsteller und die Studenten bilden das Publikum. Wenn sich nun ein Student meldet und eine Zwischenfrage stellt, wird er plötzlich (wenn auch nur kurz) zum Darsteller.
impression management
Dieses Theater-spielen beschreibt Goffman als impression management. Die englischsprachige Wikipedia definiert impression management wie folgt:"Impression management (IM) is the goal-directed conscious or unconscious attempt to influence the perceptions of other people about a person, object or event by regulating and controlling information in social interaction.[http://en.wikipedia.org/wiki/Impression_management]
IM ist also der Ausdruck, den man sich selbst gibt. Dazu zählt die Verwendung besonderer Zeichen ("regulating and controlling information"), die man gesteuert einsetzt (z.B. Sprache, Mimik, Gestik).
Fehlleistungen
Fehlleistungen sind hier allerdings möglich, z.B. Gesichtsröte, stottern, freudsche Fehler. Diese können Gefahren fürs IM sein, da man durch sie etwas kommuniziert, was man eigentlich nicht kommunizieren wollte
Ausdruckstypen
- Ausdruck, den man sich selbst gibt
Wortsymbole und ihre Substitute, die man dazu verwendet, diejenigen Informationen zu vermitteln, die man im allgemeinen mit diesen Symbolen verknüpft
- Ausdruck, den man ausstrahlt
Ausdrücke, die von den anderen als aufschlussreich für den Handelnden aufgefasst werden, soweit sie voraussetzen können, dass diese nicht aus Gründen der Information erfolgten.
Auch in fiktionalen Inhalten ist solch eine Interpretation möglich und wird z.T. auch gezielt provoziert, z.B. in Krimis, in denen der Zuschauer selbst miträtseln soll und erst durch "falsche Fährten" auf falsche Verdächtige gestossen wird.
Vorderbühne/Hinterbühne
| Vorderbühne | Hinterbühne |
|---|---|
| Ort des "offiziellen", für alle sichtbaren Geschehens | Ort des "inoffiziellen", nur für Eingeweihte und Beteiligte sichtbaren Geschehens |
| man weiß, das man beobachtet wird | fühlt sich unbeobachtet |
| spielt Rolle | fällt aus der Rolle |
Beispiel: Kellner im Restaurant.
- Vorderbühne: Speisesaal
- Hinterbühne: Küche
Politik.
- Vorderbühne: in Kameras sichtbares Geschehen: Bühne des Parteitags, Bildausschnitt im Studio
- Hinterbühne: hinter den Kameras: in den Gremien, bei inoffiziellen Gesprächen, in der Garderobe des Fernsehstudios
Durch Betrachtung der Hinterbühne wird sichtbar, wie und mit welchen Mitteln die Inszenierung zustande kommt.
Self/Selbst
Unter dem Self/Selbst versteht Goffman das Resultat des IM. Das Selbst ist folglich ein Zuschreibungsprodukt. Man ist das, als was die anderen einen wahrnehmen. Es ist also nichts anderes als "eine dramatische Wirkung, die sich aus einer dargestellten Szene entfaltet" (vgl. Khazaleh).
Frage: Kann es so etwas wie ein reines, interaktionsloses Selbst geben?
- wird von einigen definiert als Zustand innerhalb einer sehr vertrauten Umgebung
frame analysis
Unter Rahmen versteht Goffman durch Sozialisation erlernte Erfahrungsschemata deren Benutzung unbewusst ist und die uns helfen Situationen sinnhaft wahrzunehmen. Diese Erfahrungsschemata oder auch Rahmen sind Definitionen für Situationen und folglich wichtig zum richtigen Erkennen von Situationen. Der Mensch versucht jede Situation einzuordnen in seine bestehenden Erfahrungsschemata/Rahmen. Die Rahmen-Analyse setzt also "beim hier und jetzt situierten Akteur an, der (sich) die Frage >Was geht hier eigentlich vor?< stellt" (Willens 1997: 35). Ohne passenden bzw. erlernten Rahmen, ist die Situation nicht sinnhaft begreifbar.
Die Benutzung dieser Rahmen erfolgt unbewusst bis Irritationen erfolgen (Beispiel: runterfallender Scheinwerfer in "The Truman Show").
- Situationen werden in Erfahrungsschemata eingeordnet, in bestimmtem Rahmen wahrgenommen und erhalten vor diesem Hintergrund einen Sinn
- Situationen sind nur im Rahmen Wissensvorrats sinnhaft
- Rahmen sind also Elemente, mit Hilfe derer wir Situationen definieren und somit für uns sinnhaft machen
Primäre Rahmen
- allgemeine Interpretationsschemata zur Situationsdefinition
- werden als ursprünglich erlebt und zumeist nicht bewusst angewendet
- ermöglichen ein unmittelbares Erkennen und Identifizieren von Situationen und Ereignissen aller Art
- gewährleisten die Vorstellung von Normalität
- gewährleisten die Unterstellung, dass sich alles, was vor sich geht, auf irgendeine Weise in die „Kosmologie“, d.h. in den gesellschaftlichen Wissensvorrat bzw. die institutionalisierte Rahmenzuordnung, einordnen lässt
Modulation und Täuschung
Modulation
Bezeichnung für die Anwendung eines ÃAnalysesystem[s] von Konventionen, wodurch eine bestimmte Tätigkeit, die bereits im Rahmen eines primären Rahmens sinnvoll ist, in etwas transformiert wird, das dieser Tätigkeit nachgebildet ist, von den Beteiligten aber als etwas ganz anderes gesehen wird“(Goffman 1977, Rahmen-Analyse, S. 55)
Unter Modulation versteht Goffman die Transformation primärer Rahmen, also eine modifizierte Außenrahmung, obwohl der Kern der Situation der gleiche bleibt. Eine Modulation kann durch vieles bewerkstelligt werden: schauspielern, Probealarm, Ironisierung, Scherzkommunikation, Satire, etc. Modulation ist insofern gefährlich, weil immer die Gefahr vorhanden ist, dass die Modulation nicht als solche erkannt wird.
1. Beispiel: Alfred Tetzlaff ("Ein Herz und eine Seele"), eine Rolle, die satirisch als "permanenter Meckerer, Nörgler und Familientyrann" angelegt war, wurde von vielen nicht als Satire, sondern für bare Münze genommen. Die Modulation wurde also nicht erkannt.
2. Beispiel: Streit zwischen Paar:
- Streit zwischen Paar auf der Bühne
- Filmszene mit Streit zwischen Ehepaar auf der Bühne
- Zitat des Filmausschnitts im medienwissenschaftlichen Seminar
Heutzutage sind in einigen Formaten Rahmenwechsel Standart. Mit dem Spiel der Rahmen lassen sich mediale Effekte erzielen, die sich eindimensional nicht realisieren lassen. Auch im Bereich des Spielfilms sind solche Vermischungen möglich, wie beispielsweise der Film JFK zeigt. Hier werden auf sehr suggestive Weise jeweils s/w und farbiges Doku-Material mit entsprechenden fiktionalen Bildern verbunden und so Grenzen erheblich verwischt. Die Rahmen sollen weniger einfach erkennbar gemacht werden.
Beispiele: Doku-Soap, Doku-Drama
Täuschung
„... das bewusste Bemühen eines oder mehrerer Menschen, das Handeln so zu lenken, dass einer oder mehrere andere zu einer falschen Vorstellung von dem gebracht werden, was vor sich geht.“[(Goffman 1977, Rahmen-Analyse, 98)]
Unter einer Täuschung versteht Goffman also eine Modulation, die aber vom Publikum nicht bemerkt wird. Rahmentheoretisch gesehen, etablieren Täuschungen einen falschen Rahmenrand und erschaffen so eine anfällige Wirklichkeit, die 'zerstört' wird sobald die getäuschte Seite die Täuschung durchschaut.
Beispiele: Feueralarmprobe ohne die Beteiligten einzuweihen, "Verstehen Sie Spaß?", Betrüger der sich als Arzt verkleidet und ausgibt
Dabei differenziert Goffman jedoch zwischen der gutgemeinten Täuschung und der böswilligen Täuschung.
gutgemeinte Täuschung
- Aufklärung würde die Beziehung der Beteiligten nicht beeinträchtigen
böswillige Täuschung
- Aufdeckung kann zu weitreichenden, eventuell auch juristischen Konsequenzen führen
Er führt aus, dass es Kontexte bzw. Situationen bzw. Orte gibt, die charakteristische Täuschungsmanöver fördern, z.B. Therapeutenpraxen oder Beziehungen.
Klammern
- dienen zur Markierung und Abgrenzung sozialer Vorgänge von der sie umgebenden Umwelt
- können Ereignisse sowohl zeitlich als auch räumlich begrenzen
- markieren die Übergänge der verschiedenen Rahmen
- Modulationssignale, die die Beteiligten auf Rahmentransformationen hinweisen
Besonders letzter Punkt verdient Betonung! Klammern werden benutzt, um Modulationen anzuzeigen. Dabei kann es sich um: Titelmusik und Titelsequenz, Logo, Studiodesign, etc. handeln
Quellen
- persönliche Mitschrift aus der Vorlesung "Einführung in die Medien- und Kommunikationstheorie" im WS05/06 an der Universität Marburg bei Herrn Prof. Dr. Dörner
- Prof. Dörners Folien
- "Die Selbstdarstellung im Alltag oder: Wir spielen alle Theater" - Ein Text von Lorenz Khazaleh

