Film noir
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Was Film noir nun wirklich ist, ist schwer umstritten. Für manche ist es ein Genre, für andere eine zeitliche Periode, für wieder andere ein Zyklus oder eine Stilrichtung oder einfach ein Phänomen. Schrader bezeichnet Film noir als eine 'collection of transhistorical motifs, tones, or moods'. Was auch immer Film noir nun wirklich genau sein mag, meist wird die Entstehung des Film noir Amerika zugeschrieben: Film noir sei eine Synthese zwischen hard-boiled fiction und deutschem Expressionismus. Aber auch Einflüsse von Frankreich wie der poetische Realismus mit seinen Themen des Fatalismus, der Ungerechtigkeit und verfluchten Helden, sowie die starke Betonung der Authentizität des italienischen Neo-Realismus erhielten Einzug (so wurde meist an realen Schauplätzen gedreht -> Kosteneinsparungen). Der Begriff selbst stammt wahrscheinlich aus Frankreich von französischen Filmkritiker Nino Frank, der ihn 1946 benutzte, um damit eine Reihe US-amerikanischer Kriminalfilme zusammenzufassen, in denen er gewisse Muster bemerkte.
Interessant beim Begriff des Film noir ist, dass er nicht den Geistern der Filmschaffenden entsprang, sondern den Geistern der Filmkritiker und Gelehrten. Regisseure damals drehten keine Film noir Filme, diese Zuschreibung zu einer Gattung/einem Stil/einem System erfolgte erst im Nachhinein.
Zeitlich wird Film noir von vielen zwischen 1941-1958 (als erster Film noir gilt 'Die Spur des Falken', mit 'Im Zeichen des Bösen'/'Touch of Evil' endet die Ära) eingeordnet, wobei es auch hier Gegenstimmen gibt, welche sagen, dass Film noir viel früher anfing und niemals aufhörte. Allgemein wird die Periode von 1941-1958 als die Periode des klassischen Film noir bezeichnet, während alle Filme danach als Neo-Noir bezeichnet werden. Der große Unterschied zwischen den klassischen Filmen Noir und Neo-Noir wird von vielen darin gesehen, dass die Erschaffer von Neo-Noir Filmen sich ihrem noir-Stil bewusst sind, was die Macher der klassischen noir Filme nicht waren.
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Entstehung
Wenn man Texte über die Entstehung von Film Noir liest, werden oftmals immer wieder die gleichen Einflussquellen genannt. Im folgenden wird auf die wichtigsten eingegangen und diese kritisch hinterfragt.
Kriegs- und Nachkriegs Desillusionierung
Einige Autoren (wie z.B. Schrader) behaupten, dass die Desillusionierung, die viele heimkehrenden Soldaten verspürten, Einzug in den Film Noir erhielt. Dies wird meist daran fest gemacht, dass es selten happy-endings gibt und dass klare Abgrenzungen zwischen Gut und Böse nicht länger existieren. Hierbei scheint es sich weniger um ein fundiertes Argument zu handeln, als um eine mögliche Interpretation, bzw. eine Wunschvorstellung Schraders. In Anbetracht der Tatsache, dass Kriegsheimkehrer in keinem (mir bekannten) Film Noir thematisiert werden, erscheint dieses Argument recht beliebig.
Nachkriegs-Realismus
Der Nachkriegs-Realismus bezeichnet die Tendenz Filme weniger optimistisch, dafür ehrlicher (-> reale Drehorte) zu machen. Ein sozial-bewusstes Filmemachen erhält Einzug und es werden nicht langer nur "high-class" Melodramen produziert.
Der deutsche Einfluss
Oftmals wird der Einfluss deutscher Flüchtlinge vor dem 3. Reich geltend gemacht. Deutsche Filmemacher galten damals als Meister des chiaroscuro (expressionistische Beleuchtung). Vernet hat grosse Zweifel an diesem Argument. Er stellt fest, dass damals die Emmigranten schon ab 1933 aus Deutschland flohen und nicht erst in den 1940er -> Zeitlücke. Des weiteren macht er darauf aufmerksam, dass ebenfalls schon vor dem Krieg immer wieder Deutsche nach Hollywood emmigrierten und dort arbeiteten. Von den deutschen Regisseuren wiederum, welche in der Tat zu betreffender Zeit nach Hollywood emmigrierten, waren die meisten Regisseure ohne expressionistischen Einfluss. Als letzten Punkt merkt er an, dass sowohl in den Jahrzehnten vor 1940 als auch ab den 1960 der Expressionismus stark war in Amerika und die Kausalität zwischen Film Noir und dem deutschen-expressionistischen Einfluss angezweifelt werden muss.
Die hard-boiled Tradition
Hard-boiled Autoren wie Chandler und Hammett (nur um zwei zu nennen) wird nachgesagt, dass sie stark die Art und Weise wie Drehbücher geschrieben und aufgebaut wurden, beinflussten. Sie sind es, die den Einzug der zynischen Denk- und Handlungsweisen in die Literatur vorantreiben. In ihren Büchern leben die Protagonisten ein narzisstisches, miesmachendes, grobes Leben. Ohne Zweifel lassen sich hier Überschneidungen zwischen den Elementen des hard-boiled und Film Noir erkennen, allerdings sollte man die Frage stellen, ob es sich hierbei nicht vielmehr um eine wechselseitige Wirkung aufeinander handelt.
Französischer und US-amerikanischer Film noir
Wohlgemerkt gibt es gewisse, signifikante Unterschiede zwischen dem französischen und dem US-amerikanischen Film noir: französische Filme beinhalten meist zumindest einen kleinen Akzent der Rebellion, ein verschwommenes Bild von Liebe, dass ein wenig Hoffnung auf eine bessere Welt vermittelt. So sind die Protagonisten französischer Filme noire meist extrem verzweifelt und erzeugen so Anteilnahme und Mitleid, während US-amerikanische Filme die Täter als Monster darstellen, als Kriminelle, deren böse Taten durch nichts entschuldigt werden können und die nur aufgrund der Bösartigkeit der Charaktere erklärt werden können.
Film noir typische Stilmittel
- Low-Key Beleuchtung
- niedrige Kameraperspektive
- images of wet city streets
- pop-Freudian characterizations
- romantic fascination with femmes fatales
- die Femme fatale bringt den Protagonisten oftmals in eine Situation, aus der er sich nicht mehr befreien kann und untergeht
- spielen im kriminellen Milieu, eigentlich fast immer an urbanen, düsteren Schauplätzen
- erzählen aus Sicht von Kriminellen
- Heldenfigur: der ideale noir Held ist das Gegenteil von John Wayne: er ist passiv, masochistisch, morbidly curious, meist älter, nicht handsome. Meist ein desillusionierter Einzelgänger
- Weibliche Heldenfigur: schön, erprobt im Umgang mit Feuerwaffen und wahrscheinlich sexually unresponsive; diese neue Art der Frauenrolle trägt zu einer bemerkenswerten noir Erotik-Ästhetik bei, welche oft als Erotisierung von Gewalt beschrieben wird.
- Gewalt: Die Darstellung und der Umgang mit Gewalt sind stark verändert im Vergleich zu herkömmlichen Filmen. So wurde die Melodramatik auf dem Klimax der Narration (z.B. das Duell am Ende des Westerns) entschärft bzw. eingetauscht gegen eine gut ausgearbeitete Zeremonie des Tötens. Tot in Films noirs findet meist in Form einer professionellen Exekution oder eines sadistischen Rituals statt.
- Narration ist oft am Rand von Träumen angesiedelt, als ob sie die surrealistische Atmosphäre der gewaltgeschwängerten Verwirrung, Mehrdeutig und Unausgewogenheit noch verstärken sollte
- Basis of noir: Alle Komponenten des Film noir Stils sollen dazu beitragen den Zuschauer zu desorientieren, indem gewisse Filmkonventionen nicht eingehalten werden: so gibt es im Film noir wenig Logik, keine klare Abgrenzung zwischen gut und böse, keine klar-ausgearbeiteten Charaktere mit eindeutigen Motiven, keine femininen Heldinnen und keine ehrlichen Helden.
- Daraus resultiert eine psychologische und moralische Desorientiertheit, eine Umkehrung von kapitalistischen und puritanischen Werten
- Borde und Chaumeton benutzen noir nicht nur als deskriptiven Terminus, sondern als Namen für eine kritische Tendenz innerhalb des Populärkinos - ein Antigenre, welches die dunkle Seite des grausamen/primitiven Kapitalismus zeigt.
- Gefühl der Diskontinuität, intermingling of social realism and oneiricism, anarchisch-linke Kritik von bourgeoiser Ideologie, erotische Behandlung des Themas Gewalt
- Schrader: Film noir drückt eine Leidenschaft für die Gegenwart und die Vergangenheit aus, allerdings auch eine Furcht in Bezug auf die Zukunft. Noir Helden fürchten sich in die Zukunft zu blicken, sondern versuchen stattdessen den heutigen Tag zu überleben. Oftmals denken sie an vergangene (bessere) Zeiten. Daher werden im Film noir oftmals Rückblenden und Traumsequenzen benutzt (oftmals mit einer erklärenden Stimme aus dem off) und diese Techniken betonen Verlust, Nostalgie, Mangel an klaren Prioritäten, Unsicherheit und führen oftmals zu Zweifeln bezüglich des eigenen Verhaltens.
Quellen
- Film Noir in der deutschsprachigen Wikipedia
- Film noir in der englischsprachigen Wikipedia
- James Naremore: "The History of an Idea" (in ders.: More Than Night. Film Noir in Its Contexts. London, Berkeley 1998)
- Paul Kerr: Out of what Past? Notes on the B Film noir. In: Alan Silver, James Ursini (Hg.): Film Noir Reader. New York 1996. S.107-127.
- Marc Vernet: Film Noir On The Edge Of Doom. In: Copjec, Joan (Hg.): Shades of Film Noir. A Reader, London, New York: Verso 1993, S. 1-31.
- Paul Schrader: Notes on Film noir. In: film comment, Heft 1, Frühjahr 1972, S.8-13.

