Pierre Bourdieu

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Inhaltsverzeichnis

stichwortartiger Lebenslauf

  • 1930 - 2002
  • Soziologe
  • Zusammenhang soziale Ordnung - symbolische Ordnung
  • Verknüpfung von Kommunikation + Medien + soziale Herrschaft
  • menschliche Kommunikation kann nur verstanden werden, wenn man dabei die soziale Ordnung untersucht, denn jeder Sprechakt basiert auf dieser
  • geboren in der Provinz
  • Studium an einer Elite Universität (Examen in Philosophie)
  • Lehrer
  • Militärdienst in Algerien
  • erste Studien über Berberstämme
  • Hochschulassistent in Algier
  • Prof. in Paris
  • Beratungstätigkeit für Gewerkschaften
  • Gründungsmitglied Attac

Bourdieus Analyse

Bourdieu betrachtete Macht und Herrschaft als elementare Bestandteile von Kommunikation. Seine Arbeitsweise war dabei weder objektivistisch (determiniert durch Strukturen, Aktuer als Marionette der Struktur), noch subjektivistisch (Kommunikation wird immer frei erfunden von den beteiligten Akteuren. Bei Situationen handelt es sich also jeweils immer um neu definierte Situationen. Die Akteure haben die Macht auszuhandeln), stattdessen hatte Bourdieu einen praxeologischen Ansatz, der besagte, dass Situationen immer im Kontext von Macht stattfinden und ein Zusammenspiel aus ausgehandelten Handlungen und Strukturen sind.

subjektivistische Analyse

Das Soziale wird auf die Handlungen und Vorstellungen sozialer Akteure reduziert. Die den Akteuren vorausgehenden objektiven Strukturen werden ausblendet.

objektivistische Analyse

die Handlungen und Vorstellungen der Akteure werden für nachgeordnet erklärt. Das Soziale wird allein in den objektiven Relationen und Strukturen gesehen.

praxeologische Analyse

Handlungen und Strukturen gewinnen ihre soziale Realität erst im Zusammenspiel; die Analyse muss daher beide Dimensionen in ihrer gegenseitigen Bedingtheit berücksichtigen: objektive Strukturen und subjektiver Sinn.

Bourdieus Kritik

Bourdieu kritisiert sowohl die lingustischen Theorien (wie die von Saussure oder Chomsky), aber auch die Sprechakttheorien (von Searle oder Habermas). Er wirft ihnen vor, dass diese Theorien die Sprechakte zu sehr isolieren, ihnen ihren sozialen Kontext nehmen und ihnen daher Kräfte/Wirkungen zuschreiben, die sich erst aus der Verbindung mit sozialen Kräfte- und Machtverhältnissen ergeben. Anders formuliert: Der soziale Sinn von Kommunikation läßt sich nicht Erkennen bei einer bloßen Betrachtung der Sprache und der Intention des Senders.

Habitus

Bei Bourdieu dient dieser Begriff in erster Linie zur Beschreibung von "Gewohnheiten" und Strukturen. Unter dem Habitus versteht Bourdieu eine durch die klassenspezifische Sozialisation erlernte "Matrix von Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern". Dieser Sozialisationsprozess ist bei Bourdieu klassenabhängig. Bourdieu führt aus, dass während Menschen aufwachsen und sie anhand von feedbacks, die sie auf ihre Kommunikationsangebote bekommen, lernen, "welche sprachlichen Angebote bestätigt und akzeptiert oder negativ sanktioniert und verworfen werden" (Schützeichel 2004: 341). Diese feedbacks wirken sich formend auf den Habitus aus, betreffen aber nicht nur das sprachliche Ausdrucksvermögen, sondern veranken sich ebenfalls in der körperlichen Erscheinung. Der Habitus kann folglich als Inkorporation äußerer sozialer Existenzbedingungen beschrieben werden und ermöglicht dem Akteur die Bewältigung von Situationen. Die Existenz bzw. die "Benutzung" des Habitus ist dem Subjekt i.d.R. nicht bewußt. Subjekte folgen der Struktur ihres Habitus ohne dies als bewußten Handlungsakt wahrzunehmen. Schützeichel bezeichnet den Habitus auch als "vorreflexives Dispositionssystem".

Bourdieu weist darauf hin, dass es schwer ist, den Habitus zu beeinflussen bzw. ihn sich "abzugewöhnen", sofern man ihn in der Sozialisation bereits erlernt hat.

Beispiel: verarmter Adel, der nach wie vor in Saus und Braus lernt, weil er nicht anders kann

Es ist möglich, so Bourdieu, sich einen anderen Habitus anzutrainieren, allerdings ist dies sehr schwer und meist auch nicht vollständig möglich.

Beispiel: ein Bauer kann sich zwar Verhaltensweisen von Adligen antrainieren, aber sein Kern (wie z.B. sein Geschmack) wird sich wohl nicht so schnell ändern

  • Sprachlicher Habitus: sozial geprägte Sprachkompetenz

Hexis

Bourdieu bezeichnet den Aspekt der Körperlichkeit des Habitus bzw. die leibliche Haltung, die sich aus dem Habitus ergibt, als Hexis.

Der Habitus steuert, aber er determiniert nicht

Der Habitus ist eine strukturierte Struktur, aber auch eine strukturierende Struktur.

Vorhergehender Satz bedeutet, dass der Habitus zum einen das Produkt der sozialen Umwelt (und der Sozialisation) ist, sich zum anderen aber auch selbst reproduziert. Bourdieu vergleicht den Habitus mit der generativen Grammatik von Noam Chomsky, d.h. obwohl es nur eine relativ geringe Anzahl an Regeln gibt, können nahezu unendlich viele Äußerungen erzeugt werden. In Bezug auf den Habitus bedeutet dies, dass obwohl der Habitus nur eine geringe Anzahl an Regeln bereitstellt, doch unendlich viele Handlungen innerhalb der Struktur ausgeführt werden können und damit auch auf neue Situationen kreativ reagiert werden kann. Schützeichel führt aus, dass der Habitus also nicht nur "eine Internalisierung sozialer Regeln" ist, sondern vielmehr als "kreative Instanz, ein inneres Produktionssystem" zu verstehen sei.

Ordnung von Gesellschaften

1. Kapital

Unter Kapital versteht Bourdieu Medien, "über die sich in einem konkreten sozialen Raum Machtrelationen zwischen den unterschiedlichen Positionen herausbilden". Durch diese Ausweitung des Begriffes Kapital, macht Bourdieu Zusammenhänge sichtbar, die sonst verborgen blieben.

Bei Bourdieu ist der soziale Raum unterteilt in soziale Klassen, welche sich durch die Menge und die Zusammensetzung des Kapitals unterscheiden und in welche sich die Akteure verorten.

Beispiel zu kulturellem Kapital: Unterhaltung zweier Personen über Wiener Oper == Ausgrenzung von Personen mit niedrigerem kulturellem Kapital

Exkurs Michael Hartmann

Spitzenpositionen werden nur von Leuten besetzt, die aus einer guten Familie kommen, weil Personalchefs mit Bewerbern auch über kulturelle Dinge reden, die quasi nur von Leuten aus "guten Familien" gewußt werden.

Aggregatzustände

inkorporiert
  • Fähigkeiten, Wissen über die/das man verfügt (im klassischen Sinne die Bildung)
  • nicht direkt vererbbar (wie z.B. Geld), aber durchaus länger vererbbar
institutionalisiert
  • Abschlüsse und Bildungs-Titel
objektiviertes
  • Bücher, Kunstwerke

Arten von Kapital

  • Ökonomisches Kapital - materieller Reichtum und Besitz von Produktionsmitteln
  • Kulturelles Kapital - insbesonders die Fähigkeit der schriftlichen/sprachlichen Verständigung
  • Soziales Kapital - Ressourcen zur Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen und Integration in spezifische soziale Gruppen
  • Symbolisches Kapital - Anerkennungskapital, d.h. Kapital zur Erreichung sozialer Anerkennung, d.h. Transformierung anderes Kapitals

z.B. Ehemann als Chefarzt

Beispiel am kulturellen Kapital
  • Inkorporierte Form: Bildung, Wissen, Haltung
  • Objektivierte Form: Schriften, Kunstwerke
  • Institutionalisierte Form: Abschlüsse und Titel

2. geschlechtliche Arbeitsteilung

Bourdieu bezeichnet die geschlechtliche Arbeitsteilung als zweites wichtiges Strukturprinzip nach welchem Gesellschaften geordnet sind. Er führt aus, dass die Welt zweigeteilt sei, als Indizien hierfür nennt er die Aufteilung in männliche und weibliche soziale Räume, "wie Dinge klassifiziert werden" und "wie körperliche Identitätenund psychische Dispositionen generiert werden. Als wesentliches Medium dieses geschlechtlichen Antagonismus nennt er die Sprache und ihre semantischen Klassifikationsmöglichkeiten.

3. Ordnung der sozialen Felder

Als soziale Felder bezeichnet er z.B. Religion, Wissenschaft, Politik, Kunst, Massenmedien. Diese Felder wiederum haben ihre eigene Logik und Struktur, ihre eigenen Regeln, die allerdings nicht als regulative Regeln, sondern als konstitutive Regeln zu begreifen sind. Sie determinieren nicht, sondern eröffnen Möglichkeiten.

Bourdieu zeigt dies am Beispiel des Schachspiels. Die Regeln des Schachspiels konstituieren dieses Spiel und das Schachspiel selbst findet nur als tatsächliches Schachspiel statt, wenn sich die Spieler auch an die Regeln halten (denn sonst wäre es ein anderes Spiel, die alleinige Existenz des Schachbretts und der Figuren konstituiert noch nicht das Schachspiel). Der Verlauf eines Schachspiels ist aber innerhalb der Regeln völlig offen. Jeder Spieler kann innerhalb der Regeln spielen wie er will, wodurch sich nahezu unendlich viele mögliche Zugabfolgen ergeben.

Genauso, sagt Bourdieu, agieren Akteure in den unterschiedlichen sozialen Feldern. Ihre Handlungen und Möglichkeiten hängen dabei von ihrem Kapital (je höher, desto mehr Möglichkeiten) und ihrem Habitus ab. Innerhalb dieser sozialen Felder stehen die Akteure in Konkurrenz zueinander und "ringen um Positionen, Einfluss und Kapital".

Strukturale Sprachsoziologie

Bourdieu untersuchte also in erster Linie die sozialen Bedingungen und Voraussetzungen für Kommunikation. Hierfür erachtete er als besonders wichtig die sozialen Positionen, die von Personen im Relationsgefüge (im sozialen Raum) aufgrund der Unterschiedlichkeit der Ausstattung mit Kapitalien eingenommen werden.

Er macht darauf aufmerksam, dass jeder sprachliche Ausdruck ein Indikator für die soziale Stellung im Raum ist, da er einen "spezifischen Distinktionswert" mit sich trüge. Anhand dieses Distinktionswert läßt sich ein sprachlicher Ausdruck auf dem Sprachmarkt verorten (und gibt Aufschluß über das kulturelle Kapital des Sprechers) und sich damit eine Hierarchie der sozialen Gruppen bilden.

"Die strukturale Sprachsoziologie geht der Frage nach, wie sich die sozialen Unterschiede im Medium der Sprache reproduzieren." Es geht Bourdieu weniger darum wie Menschen generell die Kompetenz zu Sprache oder Kommunikation erlernen, sondern vielmehr darum wie Menschen Kompetenzen erlernen, um sich in ihrem Milieu zu verständigen. Gegenstand Bourdieus Sprachsoziologie ist also nicht die Sprache, sondern die Kompetenz im Umgang mit dieser Sprache: das Sprechen bzw. die Artikulationsmöglichkeiten.

Sprachmarkt

Je besser man die Sprache beherrscht, desto mehr Möglichkeiten hat man sich zu artikulieren, desto höher ist die Distinktion zu anderen Artikulationen auf dem Sprachmarkt. Als höchstes Kapital auf dem Sprachmarkt gilt, die "als legitim anerkannten Diskurs- und Stilformen zu beherrschen" (Bildungssprache oder spezifische Diskurse, "die im politisch-administrativen oder kulturellen Sektor dominant sind"). Das Sprachkapital kann auch (siehe oben) als "spezifische Manifestation des kulturellen Kapitals" betrachtet werden und ist abhängig von der Sozialisation, um genauer zu sein von der Familie und dem Bildungsstand. Bourdieu sagt, dass man in jedem Diskurs die gesamte Sozialstruktur des Sprechers erkennen kann.

Beispiel: William Labov arbeitete heraus, dass sich die untere Mittelschicht eine Hyperkorrektheit im sprachlichen Ausdruck angeeignet hat, da sie krampfhaft versucht den Oberschichten im Sprachgebrauch nachzueifern und die formalen Aspekte viel stärker betont als Angehörige der Oberschicht, die nicht aktiv nachzudenken brauchen während sie sich artikulieren und sich daher zu einem geringeren Maße an Standards halten und unterkorrekt sprechen. Anhand dieser Hyperkorrektheit ist es folglich möglich Angehörige der unteren Mittelschicht zu identifizieren.

Bourdieu betrachtet jeden sprachlichen Austausch auch als ökonomischen Austausch, da die Sprachbenutzer wissen, dass man ihnen ihren Habitus bei Kommunikation anmerkt. Sie wissen also, dass jeder Sprachakt sie in der sozialen Hierarchie der Gesellschaft verorten kann. Ausserdem kann ein Sprachakt auch benutzt werden, um Autorität zu erzeugen. Die Sprachbenutzer wissen also, dass sie durch ihr Sprachkapital Profit erzielen können. Da sie ebenfalls wissen, dass der Sprachmarkt nicht nur die Inhalte über die kommuniziert wird, regelt, sondern auch die Art und Weise WIE kommuniziert wird, müssen sie sich daher z.T. einer Selbstzensur unterwerfen, die sich nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Art der Vermittlung bezieht.

Fernsehen

Distinktion

das Fernsehen stellt Material der sozialen Unterscheidung zur Verfügung

Beispiel: Experimentalfilm auf Arte und Opernübertragung auf 3Sat versus Doku-Soap auf RTL2 und Astrologie-Show auf 9 Live

Visualisierung von Gesellschaft

Gesellschaft und ihre Strukturen werden als quasi natürliche Ordnung gezeigt und dadurch legitimiert.

Beispiel: Talkshows als "Prollzoo"

Ideologiebildung

Darstellung der Welt im Fernsehen formt unsere Weltanschauung. Allerdings ist die Darstellung stark verkürzt, daher ist das vermittelte Weltbild, welches dann auch z.T. übernommen wird, ebenfalls stark verkürzt (z.B. werden Lobbyisten nie in Nachrichten gezeigt). Mit dran schuld sind wohlgemerkt auch die Experten bzw. Intellektuellen, die für Reportagen was erzählen, weil Redebeiträge immer viel zu stark verkürzt sind (ca. 2 Minuten) und daher die Verkürzung unterstützen.

So wird Leistungsideologie durch Formate wie "Deutschland sucht den Superstar" oder "Wer wird Millionär?", bei denen es nur um Leistung geht, vermittelt.

Quellen

  • persönliche Mitschrift aus der Vorlesung "Einführung in die Medien- und Kommunikationstheorie" im WS05/06 an der Universität Marburg bei Herrn Prof. Dr. Dörner
  • Schützeichel, Rainer (2004): Soziologische Kommunikationstheorien, Konstanz: UVK.
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