George Herbert Mead

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George Herbert Mead (1863 - 1931)

  • "Sozialpsychologe"
  • Sohn eines Pfarrers (der Prof. für Bibelwissenschaft war)
  • starkes naturwissenschaftliches Interesse
    • Versuch einer Synthese Naturwissenschaft - Philosophie
  • Philosophie-Studium, dann Wechsel zu Psychologie, Auslandsstudium in Deutschland
  • Prof. für Psychologie (University of Chigaco)
  • wichtigtes Werk "mind, self and society"

In der Theorie von Mead wird der Mensch weniger als Individuum gesehen, sondern vielmehr in seiner Einbettung in Gruppenzusammenhänge. Mit Gruppenzusammenhängen meint Mead prinzipiell, dass das Individuum sein Handeln durch Kommunikation an Anderen ausrichtet. Entscheidender Mechanismus für diese Ausrichtung ist die Kommunikation. "Mead erklärt das Verhalten der Individuen durch sozialen Kommunikationszusammenhang und nicht umgekehrt den sozialen Kommunikationszusammenhang aus den individuellen Beiträgen." (Schützeichel 2004: 91)

Ein Grundprinzip von Mead ist, dass ich die mögliche Reaktion des anderen erkennen kann, sie antizipieren kann und darauf mein Verhalten abrichten kann (weil ich die Reaktion aufgrund meiner Ähnlichkeit mit dem anderen antizipieren kann). Die Reaktion des Gegenüber löst also nicht direkt ein Verhalten bei mir aus (Reiz-Reaktion-Schema; Mead bringt hierfür als Beispiel immer den Hundekampf zwischen zwei Hunden, die als Reaktion auf einen Reiz Gesten (z.B. Knurren) benutzen), sondern sie kann in mir selbst hervorgerufen und antizipiert werden. Die potentielle Reaktion des Anderen ist in meinem Bewusstsein repräsentiert, ich kann auf diese zeichenhafte Repräsentation hin reagieren und mein Handeln steuern.

Beispiel:
Kneipensituation: Ich mag meinen Gegenüber nicht. Ich kann ihm jetzt eine Grimasse schneiden, allerdings wird seine Reaktion darauf nicht positiv sein (z.B. könnte er mir eine reinhauen), von daher überlege ich, ob ich ihm eine Grimasse entscheide und wäge diese Entscheidung ab.

Die Bedeutung von Gesten ensteht erst in der Kommunikation und nicht im Bewusstsein des Ausführenden der Geste. "Sie ergibt sich aus der Beziehung zwischen der Geste, der Reaktion auf diese Geste und dem Anschlussverhalten innerhalb des sozialen Aktes." (Schützeichel 2004: 93)

Rollenübernahme / Antizipation

Rollenübernahme bedeutet bei Mead die Fähigkeit zu haben, sich in die Perspektive anderer zu versetzen. Dabei sind zwei Perspektiven in der Rollenübernahme gleichzeitig repräsentiert:

  • die eigene Perspektive
  • die Perspektive des Anderen / des Generalisierten Anderen

Mead unterscheidet 3 Stufen der Einstellungs-/Rollenübernahme:

  1. beide Kommunikationspartner verinnerlichen sich die objektive Bedeutungsstruktur und reagieren daher in gleicher Weise auf eine Geste, interpretieren sie also gleich
  2. beide Kommunikationspartner identifizieren sich selbst als Partner in einer Kommunikation, verstehen sich selbst also als Sender und Empfänger in der Kommunikation
  3. beide Kommunikationspartner interpretieren eine Geste nicht nur gleich, sondern weisen ihnen auch eine identische Bedeutung zu, die vorliegt, wenn sie wissen, wie der Andere bzw. der Generalisierte Andere auf die Geste reagieren müsste

Erkenntnistheoretisch kann man folgern, dass durch diese Synthetisierung (die Vereinigung verschiedener (gegensätzlicher) geistiger Elemente) verschiedener Perspektiven ein umfassendes Bild von Gegenständen entsteht. Bedeutungen von Gegenständen bzw. Objekten sind also keine Vorstellungen eines Bewusstsein und auch keine Eigenschaften eines Objekts, "sondern Reaktionen, die Objekte in einem Organismus auslösen können. Anders formuliert: "Bewusstsein ist nicht für die Existenz von Bedeutungen notwendig, da die Bedeutung eines Aktes sich aus der Reaktion eines anderen Aktes ergibt." (Schützeichel 2004: 95)

Störungen

Sollte in einem Handlungsakt/Kommunikationsakt eine Störung auftreten, so sind Handelnde dazu in der Lage auf diese Störung zu reagieren. Diese Reaktion findet normalerweise auf der Basis von bereits erlernten (habitualisierten) Handlungsroutinen statt. Sie handeln also so wie es ihnen ihre Routinen erlauben. Wenn eine Störung auftritt, konnen die Handelnden reflexiv mit dieser Störung umgehen und ihr Handeln (innerhalb ihrer Handlungsroutinen) neu organisieren, indem sie versuchen die Störquelle zu identifizieren und über mögliche Lösungsalternativen nachzudenken.

Nach Mead versuchen Menschen ihr Handeln zu einzurichten, dass es zu möglichst wenigen Störungen kommt.

Der "Generalisierte Andere" ("generalized other")

  • eine Synthese aus den Erwartungen konkreter anderer
  • Verhaltenserwartungen im Hinblick auf die allgemeinen Normen und Wert eine Gruppe
play und game

Bei play und game handelt es sich um Entwicklungsstufen in denen Kinder das Me unterschiedlich besetzen, also lernen ihre Handlungen durch die Perspektive unterschiedlicher anderer zu betrachten und zu bewerten.

1. play

  • spielt unterschiedliche Personen in ihren Rollen nach (z.B. Cowboy und Indianer)
  • lernt Erwartungen an diese Rollen kennen
  • lernt mit Erwartungen anderer umzugehen

Prof. Dörner sagt:

  • spielerische Interaktion des Kindes mit einem imaginären Partner, übt die Fähigkeit zur Verhaltensantizipation ein
  • Einnahme der Perspektive des Anderen

2. game

  • Teilnahme an Wettkampfspielen
  • lernt die Handlungen und Haltungen vieler Beteiligter kennen
  • lernt die Perspektive mehrerer Akteure kennen, um sich selbst einzubringen
    • "lernt normative Erwartungen aus der allgemeinen Perspektive sozialer Gruppen zu betrachten" (Schützeichel 2004: 102) -> "generalized other"
  • lernt die Orientierung an situationsübergreifenden Regeln und Normen

Prof. Dörner sagt:

  • Teilnahme an Gruppenspielen, das Verhalten aller Partner und die Spielregeln werden zur Richtschnur des Handelns
  • Orientierung an allgemeingültigem Ziel


Kommunikationsprozesse sind also Prozesse wechselhafter (Reaktions)Erwartungen.

Sprache wird von Mead als Lautgeste verstanden.

Meads Konstrukte der Persönlichkeit

Ähnlich wie Freud unterteilt Mead die Persönlichkeit in drei Konstrukte

  • I - Triebhaftigkeit + spontane Kreativität
    • spontante Reaktion auf einen Reiz
  • Me - Verinnerlichung der Erwartungen anderer Akteure an mich; im Sozialisationsprozess gelernte soziale Rollen
    • vor Augen führen der möglichen Erwartungen und Reaktionen des Gegenübers
  • Self - Ich-Identität (Ergebnis der Aushandlung von I + Me)

Ich-Identität als offener Prozess, Herausbildung einer je neuen Balance zwischen dem aktiven Selbst und den diversen Erwartungen anderer

"Mead nennt diese Phase der Reflexion das ME. Im ME sieht man sich aus der Perspektive des (generalisierten) Anderen. Das Handeln ist durch die eigene Reaktion auf das ME geprägt, durch die verinnerlichten Erwartungen der Anderen. Jene Phase des Handelns, der Reaktion des Subjekts auf die Hereinnahme der Haltungen des (generalisierten) Anderen nennt Mead I. I und ME bilden die Einheit der Differenz des SELF (Selbst, Identität). Die Identität bildet sich individualbiographisch durch das Durchleben des Kindes zweier Spielphasen: PLAY und GAME. In diesen lernt das Kind die Haltung anderer zu übernehmen, sein Verhalten nach deren Erwartungen abzustimmen. Zunächst im freien und naiven Spiel mit sich selbst (PLAY), dann im organisierten Wettkampf mit vielen Anderen (GAME). Das Kind übt eine Selbstkontrolle auf sich aus und unterliegt damit der sozialen Kontrolle der Gemeinschaften, denen es angehört und nach denen sich die soziale Struktur der Identität (ME) ausgebildet hat. Die unterschiedlichen Ansprüche verschiedener Gruppen zu koordinieren, das heißt verschiedene verinnerlichte Gruppenhaltungen zu synthetisieren, also die Einheit der Differenz von MEs herzustellen, ist eine der Aufgaben der Identität. Aus den daraus entstehenden moralischen Konflikten entwickelt Mead seine Theorie der Ethik und des Sozialen Wandels, die jedoch weit weniger beachtet wurden als seine Theorie der symbolvermittelten Kommunikation und der Entstehung von Identität und Bewusstsein."
[George Herbert Mead - Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/George_Herbert_Mead]

Eben so war Mead ein großer Pädagoge ...

Joshua Meyrowitz

Zentrale These: Identitätsbildung verändert in massenmedialer Welt, weil sich die Erfahrungsräume ändern.

Traditionell war die Identitätsbildung gebunden an bestimmte Erfahrungsräume, die ihren ortsspezifischen "generalisierten Anderen" hatten. Mit anderen Worten: Meyrowitz sagt, dass es eine gewisse Ortsgebundenheit der Identitätsbildung gibt, dass also Räume Identität bilden können, zumindest in dem Maße, dass durch gemeinsame Räume gleiche Segmente der Identität entstehen. Alle Subjekte innerhalb dieses Erfahrungsraums haben ein geteiltest, exklusives Wissen und eine geteilte Hinterbühne.

Der "generalisierte Andere" wird heutzutage durch die Medien vermittelt, wodurch die alten Grenze bzw. Räume aufgehoben werden. Die Medien vermitteln einen "mediated generalized other", welcher nicht mehr an einen Raum gebunden ist. Dabei gibt es auch einen "Gewinn" von Fremdtypisierungen (siehe Alfred Schütz) (z.B. durch Daily Soaps und Famlienserien), aber u.U. auch Neid (z.B. wenn man das Leben von Reichen und Mächtigen sieht), da man Einsichten in das Leben anderer Schichten erhält, die vorher nicht möglich waren. Medien öffnen also Räume, die sonst unnahbar für mich wären (z.B. Berichtserstattung im Vietnam Krieg)

Quellen

  • persönliche Mitschrift aus der Vorlesung "Einführung in die Medien- und Kommunikationstheorie" im WS05/06 an der Universität Marburg bei Herrn Prof. Dr. Dörner
  • Schützeichel, Rainer (2004): Soziologische Kommunikationstheorien, Konstanz: UVK.
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